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Artikel von Thomas Drescher, Schildow, Mühlenbecker Land, Zeitzeuge der DDR

Meine persönlichen Erfahrungen in der DDR

Bildquelle: MAZ Online

Thomas Drescher Zeitzeuge der DDRAls 17 Jähriger erlebte ich das Jahr 1984 in meinem Elternhaus an der nördlichen Stadtgrenze zu Westberlin, in Schildow. Keiner dachte nur im Entferntesten, dass in 5 Jahren die Mauer fallen würde. Wie es auch heute bei Menschen in meinem damaligen Alter ist, haben meine Freunde und ich viele Träume von unserem zukünftigen Leben gehabt. Wir konnten damals einfach nicht verstehen, dass für uns die Welt nicht offen stand. Viele meiner Freunde, sogar aus meiner Schulklasse, haben später auf unterschiedlichen Wegen die DDR verlassen. Einige haben sogar ihr Leben riskiert um in Freiheit leben zu können. Einer hat versucht mit einer Luftmatratze über die Ostsee nach Westdeutschland zu schwimmen. Zweien ist es gelungen über die bewachte Grenze über Ungarn nach Österreich zu fliehen. Ein Freund durfte mit seinem Bruder, nach dem ihr Vater bei einer Dienstreise im Westen geblieben ist, nach schwerer Zeit ausreisen. Mein Freund Dirk und ich mussten nach einem missglückten Fluchtversuch sogar ins Gefängnis.

Was war für uns in der DDR so schlimm, dass wir all das auf uns nahmen?

Darüber möchte ich, nach dem Herr Karsten Harfst von der Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen die Verhältnisse in der damaligen DDR, hier auf diesem Portal erläutert hat, schreiben.

Jetzt weiter zu mir. Ich habe am 22. Mai 1967 das Licht der sozialistischen Welt erblickt. Habe nach meinem Schulabschluss den Beruf Tischler erlernt. Mein 2 Jahre älterer Halbbruder war in der sogenannten Einheitspartei, die das alleinige Sagen in der DDR hatte. Mein Vater war Entwicklung Ingenieur in Ostberlin. Nach meinem 6. Lebensjahr haben sich meine Eltern getrennt und mein Vater wollte keinen Kontakt mehr zu mir haben. Mit den Jahren wurden die politischen Maßregelungen für meine Freunde und mich immer unerträglicher. In der Schule musste man aufpassen was man sagte. Man wollte uns diktieren, wie wir über das Leben und die Welt zu denken haben. Zum Beispiel durfte ich bei der Schuldisko mit meinem Freund Mario nicht zu viele Lieder aus dem westlichen Ausland spielen.

Man wollte uns sogar vorschreiben, was für Fernsehprogramme wir zuhause sehen durften. Alles was von der SED Partei und aus der damaligen Sowjetunion kam, durfte nicht angezweifelt oder gar hinterfragt werden. Leute die die DDR verlassen wollten wurden meist kriminalisiert oder gar eingesperrt. Fortschriftliche Kräfte wie Bürgerrechtler oder auch Kunstschaffende, die was ändern wollten, damit nicht alle weggehen wurden auch verfolgt und kamen in den Knast. Es gab bestimmt auch in der Einheitspartei SED Kräfte, die positive Änderungen herbeisehnten aber diese Genossen mussten aufpassen nicht bei der Parteileitung in Ungnade zu fallen.

Als mein Bruder merkte, dass ich nicht in dieser DDR bleiben wollte, hatte er mit einem einzigen Satz den er mir ins Gesicht sagte, meinen Entschluss die DDR zu verlassen, vorangebracht.

Mit 21 Jahren versuchte ich dann mit meinem Freund in Glienicke Nordbahn in der Lindenstraße die Mauer zu überwinden. Eine Straße weiter in der Nohlstraße wo jetzt Mc Donalds Hamburger und Fritten verkauft, versuchte am 23. November 1986 ein junger Mann, Herr Michael Bittner, in die Freiheit zu gelangen. Fast geschafft auf der abschließenden Mauer wurde er durch 3 Schuss in den Rücken getötet. Herr Bittner war unbewaffnet und hatte keinem was zu leide getan. Der Leichnam wurde von der Staatssicherheit abtransportiert und gilt seitdem als verschollen. In Gedenken an ihn wurde 2009 in Glienicke ein Platz nach ihm benannt. Auch in Berlin-Frohnau am Edelhofdamm erinnert, unweit des Tatortes, ein Mahnmal an das menschenverachtende Unrechtssystem.

Vielleicht interessiert es Euch oder Ihnen, wie es mir im Gefängnis als politischer Häftling in der DDR ergangen ist. Oder was der andere deutsche Staat, die BRD, für mich getan hat, damit ich doch noch in die Freiheit gelangen konnte. Natürlich ist so ein Portal, das übrigens sehr gut gelungen ist, Grenzen gesetzt und kann kein persönliches Gespräch ersetzen. Ich könnte mir aber vorstellen alle Monate auf eventuelle Fragen zu antworten. Ein anderer Weg wäre, sich bei den Lehren und der Schulleitung zu erkundigen, ob es möglich wäre einen Zeitzeugen für den Geschichts- Ethik oder Politischen Unterricht einzuladen. Zum Beispiel das Koordinierende Zeitzeugenbüro vermittelt für Schulen absolut kostenfrei Zeitzeugen zu verschiedene Themen Schwerpunkte. Man kann sich auf dem Portal, auf dem ich auch vertreten bin, schon vorinformieren.

Ich bedanke mich bei Ralf-Peter Kleinert für das Interesse an meiner Lebensgeschichte. Hoffentlich ist es mir gelungen Euch oder Sie für die jüngere deutsche Geschichte weiter zu interessieren.

Heute am 17. Juni, zum 60. Jahrestag des blutig niedergeschlagenen Arbeiteraufstandes in der DDR, wäre es eine gute Gelegenheit der Opfer der zweiten deutschen Diktatur zu gedenken.

Euer Thomas Drescher

 

 

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